Du bist bei:
Hauptseite.. Ärzte.. Medien... Bundesprüfstelle

Indiziert - ja oder nein

Die BPS hat Langeweile



Och, nich schon wieder.............

Interview mit Bela B. zum Thema "Indizierung 'Ein Schwein namens Männer'"
Das nachfolgende Interview erschien in "Visions" 08/98. Der Rest des Berichtes kann dort nachgelesen werden.


Fast 20 Jahre nachdem Slime mit "Bullenschweine" die Gesetzeshüter auf den Plan riefen, ist der Song derzeit wieder in aller Munde. Fischmob coverten das Stück für die "Doors ofPassion"-EP in einer überdrehten Schlumpf-Techno-Version mit dem Titel "Polzei Osterei", und auch Die Ärzte bedienten sich einiger einschlägiger Zeilen für ihre Hitsingle "Ein Schwein namens Männer". Während aber die Ärzte diese Textpassagen kaum hörbar an den Schluß ihres Songs setzten, haben Fischmob jetzt den gleichen Ärger wie Slime vor Jahren: Weil Wolfgang Marten, ein DJ der Neumünsteraner Disco Sky, die Polizei alarmierte, wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ,Plattenmeister'-Chef Uli Saltzmann eingeleitet. Zeit, die Geschichte näher zu beleuchten.
Um 5 Uhr morgens begehrten am 17. März zehn Polizisten samt Hunden Einlaß in das Büro des Labels, um eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. Grund: Mit ,,Polizei Osterei" von Fischmob habe der Labelchef ,,gewaltverherlichende Musik" veröffentlicht. Mit Textzeilen wie ,dies ist ein Aufruf zur Revolte, dies ist ein Aufruf zur Gewalt, Bomben bauen, Waffen klauen, den Bullen auf die Fresse hauen" oder ,,Mollis und Steine gegen Bullenschweine" werden in der Tat schwere Geschütze aufgefahren, allerdings dürfte selbst einfach gestrickten Individuen der satirische Aspekt an der Fischmob-Version kaum verborgen bleiben. Die Inhalte sollen an dieser Stelle gar diskutiert werden, wohl aber die Frage nach dem Sinn von Zensurmaßnahmen. Wir erteilen dem Schrecklichen Sven von Fischmob, Ex-Slime-Mitglied Elf, der den Text .Bullenschweine" einst verfaßte, sowie Bela B. von den Ärzten das Wort...

Noch bevor ich Bela B. eine Frage stellen kann, legt er bereits los...
,,Es gibt ein kleines Problem: Wir wollen natürlich gar nicht gern indiziert werden. Wir feixen uns zwar extrem einen darauf, daß auf der Single die Zeile ,Mollis und Steine' mit drauf ist, aber wir wollen damit nicht unbedingt hausieren gehen. Wir hatten uns ursprünglich gedacht, daß wir im nächsten Jahr die Katze aus dem Sack lassen. Auf der anderen Seite: ihr habt's gemerkt und irgendwer wird's sowieso schreiben."

Bist du denn jetzt bereit, dich zu dem Thema zu äußern?
,,Ich bin bereit, mich zu äußern, wenn die indizierten Zeilen nicht erwähnt werden. Man könnte es ja so formulieren, daß wir den Schlußrefrain des Stücks zitieren. Wir müssen uns darauf einstellen, daß wir bei einer Indizierung die Zeilen auf dem Album irgendwie rausnehmen. Daß halt nur noch ,Wir wollen keine 'Bullenschweine' zu hören ist und nicht noch ,Mollis und Steine'. Es gibt dann aber auch eine lustige Geschichte, die passieren könnte, denn wir haben zum allerersten Mai ein Stück für die ,Bravo Hits' freigegebene. Im Nachhinein finden wir es auch nicht mehr so gut, daß wir es gemacht haben, aber es wäre natürlich supergeil, wenn das Ding jetzt indiziert würde. Das wäre ein Riesenskandal, und ich würde es der ,Bravo' auch wirklich gönnen, weil wir gerade richtig Krach mit denen haben."

Gibt es denn verschiedene Versionen des Songs, oder singt ihr auch auf der ,,Brave Hits"-CD die Zeile ,,Mollig und Steine gegen Bullenschweine"?
,,Das ist auch auf der ,Bravo Hits' mit drauf."

Was habt Ihr denn bislang von der Fischmob-Sache mitbekommen?
,,Wir haben das gleiche Management, insofern wußten wir sofort Bescheid. Erst mal fanden wir die Version supergeil, weil es ein Stück ist, das wir auch oft live in anderen Versionen gespielt haben. Es gab Swing-, Ska-, Rockabilly- und Doowop-Versionen, insofern haben wir das schon ein wenig in unserer Tradition gesehen. Daß das Ding dann nachträglich auf den Index kam, ist natürlich der absolute Hammer. Weil Indizierungen aber nicht verjähren, waren wir nicht überrascht. Am ehesten waren da wohl Fischmob überrascht, weil die sich in dem Genre nicht so auskennen."

War euer Zitat denn auch eine Reaktion auf das Fischmob-Stück?
,,Gar nicht. Das ist spontan passiert, denn als wir das Stück fertig hatten, fehlte noch irgendwas. Man kann von Slime halten, was man will, aber das ist einfach einer der wichtigsten Songs, die jemals in Deutschland geschrieben wurden. Wir waren uns hinterher aber auch durchaus bewußt, daß wir ein Vierteljahr nach der Aktion gegen Fischmob nicht-verheilte Wunden aufreißen."

Euer Song steht seit acht Wochen auf Platz 1 der Charts, und es ist noch nichts passiert?
,,Nein, wir haben aus verschiedenen Ecken Lob bekommen, zum Beispiel von Altpunks. Leute, die sich in dem Genre auskennen, haben das sofort erkannt, aber die sitzen nicht unbedingt in öffentlichen Ämtern, wo man sich mit so etwas auseinandersetzt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß aufgrund der Ärzte jetzt eine Million Polizistenmörder in Deutschland entstehen - übrigens auch nicht wegen des Slime-Songs und erst recht nicht wegen des Fischmob-Songs. Per E-Mail haben wir übrigens Reaktionen von einem Polizisten und einem Anwaltsgehilfen bekommen. Beide meinten, daß die Single total geil sei, sie das am Schluß aber etwas herbe fänden, letztendlich aber auch wüßten, daß wir aus dieser Zeit kommen und dazu auch eine Beziehung haben. Und daß es nicht unsere Meinung widerspiegelt, daß man alle Polizisten töten sollte, kann man natürlich auch sagen. Obwohl ich als APPD-Mitglied (Anarchistische Pogo-Partei Deutschland -Anm. d. Red.) natürlich für die Abschaffung der Polizei bin."

Die Zeile ,,Mollig und Steine gegen Bullenschwelne" Ist ja doch ziemlich harter Tobak...
,,Ja, natürlich, das ist absoluter Trash. Die Zeile an sich haben wir überhaupt nicht reflektiert. Es stammt halt aus dieser Hausbesetzer-Zeit mit den Demos in Berlin und der Hafenstraße Anfang der Achtziger. Das waren einfach die Songs, die auf den Demos vom Lautsprecherwagen liefen. Und wenn du heute in einem Jugendzentrum zu dem Song Pogo tanzt, machst du das nicht unbedingt, weil du Bullen umbringen willst. Daß sich der Gesetzgeber dagegen verwahrt, daß solche Aufforderungen in irgendeiner Formöffentlich gemacht werden, ist natürlich auch klar."

Wenn das jetzt hier so steht, droht euch natürlich auch wieder eine Indizierung...
"Möglicherweise. Wahrscheinlich wird's auch wieder ein paar Schlaumeier geben, die dann meinen, daß wir es darauf angelegt hätten, aber das ist nicht wahr - dann hätten wir es weiter in den Vordergrund gestellt. Eine eindeutige Aufforderung findet in unserem Song ja nicht statt, es ist einfach ein Zitat. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch spannend: Wird es jetzt indiziert oder nicht? Ich glaube aber nicht, daß die Bundesprüfstelle noch mal den Fehler macht und eine Ärzte-Platte indiziert."

Bist du denn generell gegen Zensur, oder würdest du solche Maßnahmen bei Nazi-Bands befürworten?
"Ich bin prinzipiell gegen jede Form von Zensur. Wenn allerdings zu Rassenhaß aufgerufen wird... Ich glaube nicht, daß Musik einen solchen Stellenwert hat, daß es Leute dazu bringen könnte, ihre Meinung zu ändern. Diese Nazi-Bands werden sowieso nur von solchen Spacken gehört. Auf der anderen Seite bin ich natürlich auch nicht dafür, daß die mit ihrem Scheiß Geld verdienen."

FALK ALBRECHT